Neuraltherapie
Um was handelt es sich bei der Neuraltherapie?
Die Neuraltherapie ist ein ganzheitliches Heilverfahren, bei dem ein Lokalanästhetikum wie Procain oder Lidocain gezielt injiziert wird, um lokale und übergeordnete Regelkreise sowie Organe des Körpers positiv zu beeinflussen. Auf diese Weise können die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden und er wird in die Lage versetzt, Krankheiten selbst auszuheilen. Ziel dabei ist es, nicht nur die Symptome, wie z.B. Schmerzen, zu behandeln, sondern gezielt die Ursache(n) der Beschwerden zu beseitigen.
Wie ist die Neuraltherapie entstanden?
Die Neuraltherapie geht v.a. auf die Arbeit der Ärzte-Brüder Dr. Ferdinand (1891 – 1966) und Dr. Walter Huneke zurück. Deren Schwester litt seit langem an einer starken Migräne und es war beiden bisher nicht gelungen, diese zu lindern. Es war 1925, als Ferdinand Huneke dann seiner Schwester versehentlich eine Version der Ampulle Atophanyl (ein Rheumamittel gegen Schmerzen), das Procain enthielt, in die Vene spritze. Diese verabreichte Version des Mittels mit Procain war nämlich nur für eine Injektion in den Muskel bestimmt, da man davon ausging, dass Procain als Venen-Präparat gefährlich sei. Umso verwunderter war Ferdinand Huneke dann, als noch während der Injektion die Migräne seiner Schwester vollständig geheilt wurde. Als die Brüder später bemerkten, dass er das „falsche“ Mittel in die Vene verabreicht hatte, führten sie die Wirkung auf das zugesetzte Procain zurück und forschten daraufhin weiter über die unbekannten Fernwirkungen der Lokalanästhesie, wozu sie auch 1928 eine gleichnamige Arbeit veröffentlichten.
1940 beschrieb Ferdinand Huneke dann das erste „Sekundenphänomen“, für das die Neuraltherapie v.a. bekannt wurde. Bei einer Patientin, die zuvor sowohl von zahlreichen Ärzten als auch von ihm (lokal und segmental) erfolglos wegen sehr starker Schmerzen am Schultergelenk behandelt wurde, beobachtete er nach Behandlung einer alten, entzündeten Osteomyelitis-Narbe (Knochenhautentzündung) am Unterschenkel – diese hatte sich nach der vorherigen Schulter-Behandlung mit Impletol (Procain-Präparat mit Coffein) wieder schmerzhaft gemeldet“ – ein sofortiges Verschwinden des Schulterschmerzes.
Dieses Phänomen zeigte eindrucksvoll, dass eine gezielte Injektion in ein sogenanntes Störfeld (hier die alte Osteomyelitisnarbe am Unterschenkel) – also ein Bereich, der selbst nicht direkt mit den Beschwerden zusammenhängt – in der Lage ist, Schmerzen oder andere Symptome an einer ganz anderen Körperstelle (hier die Schulterschmerzen) innerhalb von Sekunden zu beseitigen.
Die Gebrüder Huneke entwickelten daraufhin in den folgenden Jahren ein geschlossenes Therapiekonzept, das sie „Neuraltherapie“ nannten.
Welche Behandlungsmethoden werden bei der Neuraltherapie durchgeführt?
Unter der heutigen Neuraltherapie werden überwiegend folgende Behandlungs-Methoden zusammengefasst:
- Die „DAWOS“-Methode, also der therapeutische Einsatz eines Lokalanästhetikums direkt an der schmerzenden Stelle, d.h. „da, wo’s weh tut“. Diese Methode wird überwiegend zur lokalen Schmerzbehandlung angewendet.
- Die Segmenttherapie: Die Segmenttherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Neuraltherapie. Sie nutzt das Wissen, dass alle Organe und Körperstrukturen in sogenannten „Segmenten“ miteinander verschaltet sind. Jedes Segment wird von einem bestimmten Rückenmarksnerv (Spinalnerv) versorgt und umfasst nicht nur die Haut, sondern auch Muskeln, Gefäße, Knochen und die zugehörigen inneren Organe.
Die Hautareale, die direkt von den Rückenmarksnerven versorgt werden, heißen Dermatome. Gleichzeitig gibt es auch die sogenannten Head’schen Zonen: Das sind Hautareale, die bei Erkrankungen innerer Organe oft schmerzhaft oder empfindlich werden. Diese Zonen entstehen durch die nervliche Verschaltung im Rückenmark – das Organ und die Haut stehen funktionell miteinander in Verbindung.
In der Segmenttherapie werden gezielt kleine Mengen eines Lokalanästhetikums (wie Procain) in diese Hautareale injiziert (Quaddeln oder kleine Injektionen). Dadurch wird das vegetative Nervensystem beeinflusst und der gestörte Regelkreis kann sich wieder normalisieren. So lassen sich nicht nur Schmerzen direkt lindern, sondern auch die Funktion des zugehörigen Organs positiv beeinflussen.
- Die Störfeldtherapie: Die Störfeldtherapie nach Huneke geht davon aus, dass „Störfelder“ chronische Entzündungsherde oder Reizzustände im Körper sind. Über das komplexe vegetative Nervensystem können diese Störfelder weitreichende Auswirkungen haben und Beschwerden in ganz anderen Körperbereichen auslösen, ohne dass ein direkter Zusammenhang offensichtlich ist.
Typische Störfelder liegen häufig in Narben, den Mandeln, den Nasennebenhöhlen, im Zahn-Kiefer-Bereich oder an der Schilddrüse.
Die 3 Grundsätze der Gebrüder Huneke hierzu waren:
- Jede Erkrankung kann störfeldbedingt sein.
- Jede Erkrankung oder Verletzung kann ein Störfeld hinterlassen.
- Jede Störfelderkrankung ist ausschließlich durch Ausschaltung des Störfeldes heilbar.
Durch gezielte Injektionen eines Lokalanästhetikums wie Procain wird die störende Wirkung dieser Herde vorübergehend unterbrochen. Dabei wird besonders die Weiterleitung elektromagnetischer Signale, die über das vegetative Nervensystem Störungen im Körper auslösen, kurzfristig blockiert.
Dieses „Reset“ ermöglicht es dem Körper, wieder in ein natürliches Gleichgewicht zu finden und Heilungsprozesse zu aktivieren.
Anwendungsbereiche (Auswahl):
Da es sich bei der Neuraltherapie um ein modernes Regulationsverfahren handelt, das auf alle wichtigen Steuerungssysteme des Körpers – wie das Nervensystem, das Hormonsystem, die Muskulatur, den Kreislauf und das Lymphsystem – Einfluss nimmt und darüber hinaus auch auf alle Organe wirken kann, ist ihr Einsatzgebiet sehr vielseitig:
- Schmerzen aller Art, z.B. Kopfschmerzen, Organschmerzen, Phantomschmerzen
- rheumatische Beschwerden und degenerative Gelenkerkrankungen
- Verspannungen und Krampfzustände
- Frauenleiden, wie z.B. unerfüllter Kinderwunsch, Regelbeschwerden, Klimakterium
- Verdauungsstörungen
- Hautprobleme
- Heilungsbeschleunigung nach Operationen
- Geruchs- und Geschmacksverlust
- funktionelle Störungen, z.B. funktionelle Herzrhythmusstörungen ohne organischen Befund
- Entzündungen
- Neuralgien aller Art (Nervenschmerzen, wie z.B. Ischias) sowie neurologische Erkrankungen (z.B. Restless Legs Syndrom)
- Sensibilitätsstörungen (z.B. Kribbeln, Ameisenlaufen)
- Karpaltunnelsyndrom