EMDR

Was genau versteht man unter EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)?

Generell geht man davon aus, dass extrem belastende oder bedrohliche Erlebnisse (z.B. ein Unfall, Gewalt, plötzlicher Verlust eines geliebten Menschen) durch ein in diesem Moment überaktives Stresssystem (Überlebensmodus) vom Gehirn nicht richtig verarbeitet und abgespeichert werden. Stattdessen wird das Erlebte fragmentiert sowie rein emotional (über entsprechende Gefühle) und sensorisch (z. B. über Gerüche, Bilder und Geräusche) im Gehirn abgelegt – losgelöst von einer zeitlichen Einordnung –, sodass Trigger bzw. Reize immer wieder entsprechende emotionale und körperliche Reaktionen auslösen können, die mit dem Ereignis in Verbindung stehen.

 

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist eine Therapiemethode, bei der durch bilaterale Stimulationstechniken diese traumatischen Erinnerungen vom Gehirn hervorgeholt, neu verarbeitet und integriert werden können, sodass sie ihren emotionalen Charakter und ihre Intensität verlieren und den Patienten nicht mehr (so) belasten.

 

Als EMDR (auf Deutsch „Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen“) entwickelt wurde, lag der Fokus der Stimulationstechnik zunächst ausschließlich auf kontrollierten, bilateralen Augenbewegungen.

 

Im Rahmen der Weiterentwicklung und Standardisierung der Methode wurde dann später festgestellt, dass der entscheidende Wirkfaktor wohl nicht die Augenbewegungen an sich sind, sondern die bilaterale rhythmische Aktivierung beider Gehirnhälften. Dadurch kamen weitere bilaterale Stimulationstechniken hinzu, wie wechselseitige Töne und Klänge sowie seitenabwechselnde Berührungen oder Vibrationen (sog. Tapping), die auch alle miteinander kombiniert werden können.

Woher kommt die Methode der EMDR und wie wirkt diese?

Die EMDR-Therapie wurde Ende der 1980er-Jahre von der US-amerikanischen Psychologin Francine Shapiro (1948 – 2019) entwickelt. Sie entdeckte die Methode beim Spazierengehen, als sie bemerkte, dass sich belastende Gedanken abschwächten, während ihre Augen sich auf natürliche Weise von einer Seite zur anderen bewegten. Fasziniert von dieser Beobachtung begann sie zu erforschen, ob solche Augenbewegungen helfen könnten, die Intensität emotionaler Reaktionen auf traumatische Erinnerungen zu verringern. Die ersten sehr positiven Forschungsergebnisse, auf Basis von Studien bei Kriegsveteranen und Personen mit posttraumatischer Belastungsstörung, veröffentlichte sie dann 1989.

 

Zur genauen Wirkungsweise von EMDR gibt es verschiedene wissenschaftliche Erklärungsansätze:

 

  • Eine verbreitete Annahme ist, dass die Aktivierung beider Gehirnhälften durch bilaterale Stimulation jene Gehirn-Bereiche besser vernetzt, die für emotionale Verarbeitung (meist stärker in der rechten Gehirnhälfte) und sprachlich-analytische Verarbeitung (häufig in der linken Gehirnhälfte) zuständig sind. So können „eingefrorene“ traumatische Erinnerungen wieder in den natürlichen Verarbeitungsprozess eingebunden werden. Das Zusammenspiel sorgt dafür, dass die Erinnerung als vergangen markiert und nicht mehr als akute Bedrohung erlebt wird.
  • Ein weiterer Ansatz ist die Arbeitsgedächtnis-Hypothese: Während man an etwas Belastendes denkt, folgt man gleichzeitig einem externen Reiz – das fordert das Arbeitsgedächtnis und lässt die Erinnerung an Lebendigkeit und emotionaler Intensität verlieren.
  • Manche Forscher sehen zudem Parallelen zur REM-Schlafphase (Rapid Eye Movement), in der unter anderem die emotionale Intensität belastender Erinnerungen reduziert wird, während die Erinnerung integriert wird. EMDR könnte diesen Mechanismus im Wachzustand gezielt nachahmen, um belastende Erlebnisse zu verarbeiten.

Heute gilt EMDR als eine der wirksamsten Methoden zur Verarbeitung traumatischer Erlebnisse und ist durch zahlreiche Studien wissenschaftlich abgesichert. Forschungsergebnisse zeigen unter anderem, dass sich rund 80 Prozent der Patientinnen und Patienten mit einer einfachen posttraumatischen Belastungsstörung bereits nach wenigen Sitzungen deutlich entlastet fühlen.

Anwendungsbereiche (Auswahl):

  • posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
  • Anpassungsstörungen (z.B. bei Verlust eines geliebten Menschen, Arbeitsplatzverlust, Trennung, Umzug, Krankheit oder andere einschneidende Lebensveränderungen)
  • starke Trauer nach Verlusterlebnissen
  • Entwicklungs- und Verhaltensstörungen von Kindern
  • Depressionen
  • Phantomschmerzen
  • chronische Schmerzen
  • Angst- und Panikstörungen
  • psychophysische (Geist und Körper betreffende) Erschöpfungssyndrome
  • traumabedingte Schlafstörungen
  • Hautausschläge (u.a. Neurodermitis)
  • chronischer Stress
  • Senkung der Rückfallneigung bei Alkoholkranken
  • stoffgebundene Abhängigkeit (besonders im Zusammenhang mit einer Traumafolgestörung)
Nach oben scrollen